Das ganze Jahr versorgt der Obsthof von Ralf und Birgit Mählmann die Region mit fruchtigen Schätzen aus dem Alten Land: Zehn Sorten Kirschen, Himbeeren, Stachelbeeren, Johannisbeeren, Zwetschgen, Pflaumen, Mirabellen und natürlich Äpfel und Birnen. Wer an dem liebevoll dekorierten Stand die Augen weidet, ahnt etwas von dem Antrieb, der die Familie motiviert, Erde und Menschen etwas Gutes zu tun.

Dabei ist Ralf Mählmann alles andere als ein Ökoromantiker. Mit viel organisatorischem Geschick managt er 18 ha Obstanbaufläche, auf denen 50.000 Bäume gepflegt werden wollen. Viel Handwerk gehört dazu – Bodenbearbeitung, Erziehungsschnitt, Bewässerung und Bedachung der regenempfindlichen Kirschen – und der enge manuelle Kontakt zu seinen Produkten ist ihm auch sehr wichtig. „Ein Baum ist wie ein Mensch, er braucht Aufmerksamkeit und Erziehung, um gesund und fruchtbar zu sein“, erklärt Ralf. Auch ein gesunder Boden gehört dazu: “Nur mit starken Wurzeln gibt es eine starke Krone.“

Überzeugung und Liebe steckt in seinen Produkten. Ralf legt Wert darauf, für die Region zu produzieren. Nicht nur aus Umweltbewusstsein: „Der Körper des Menschen im Norden bekommt mit dem, was hier wächst, genau das, was er braucht.“ Die robusten Obstsorten, die hier gedeihen, bieten dem Organismus in unserem kühlen Klima genau die richtigen Nähr- und Vitalstoffe, ist Ralf überzeugt. Aus dem Obst, das er nicht frisch verkauft, stellen er und seine Frau Birgit 30 verschiedene Fruchtaufstriche her.

Enge Kooperationspartner sind Mählmanns Bienen: Fünf „Bienenhotels“ stehen in den Obstplantagen. Ein Teil der Fläche ist mit Blühstreifen besät. Diese Sommerblüher sorgen dafür, dass die Bienen nach dem überreich gedeckten Tisch im Frühjahr in den Folgemonaten nicht darben müssen. Aber auch die menschlichen Mitarbeiter haben in dem Betrieb ein faires Auskommen. Gute Arbeitsbedingungen und gerechte Entlohnung gehören zu den Grundpfeilern des Betriebs.

Dass Ralf Mählmann den Weg des Obstbauern einschlagen würde, war nicht direkt vorgezeichnet, auch wenn er aus einer Obsthandelsfamilie stammt. Zuerst machte er viel Büroarbeit: Nach Tätigkeiten als Industrie- und Speditionskaufmann studierte er BWL und ging dann als Volontär in den Obsthandel an den Bodensee. Krankheit des Vaters zog ihn wieder zurück zum elterlichen Betrieb. Aber erst als er seine Frau Birgit kennenlernte, stieg er in den praktischen Obstanbau ein. Schon nach einem Jahr heiratete er nicht nur die Mutter seiner inzwischen drei Kinder, sondern auch deren elterlichen Obsthof. In den Anfangsjahren betrieben sie den Anbau zunächst in konventioneller Weise weiter.

Ein Erlebnis in 2001 brachte den Impuls zur Umstellung. „Ich bin ein Wassermensch“, sagt er über sich, und so war es ein aufregendes Ereignis für ihn, als im Hof plötzlich eine artesische Quelle aufbrach. Er fragte sich, was man wohl damit machen könne und erkundigte sich bei den Hamburger Wasserwerken nach einer Wasseruntersuchung. Die Antwort ernüchterte ihn: „Was, Sie sitzen im Alten Land? Da ist doch das ganze Grundwasser voll Pestizide!“

Ein Urlaub in Frankreich, in dem er ein biologisches Landgut kennenlernte, gab weitere Anregung zur Umstellung: „Das war ein toller ökologischer Obsthof an der Loire, der exzellente Qualität erzeugte.“ Klar war ihm dabei auch, dass ein ökologischer Betrieb sehr viel arbeitsintensiver sein würde. „Da hab ich mich mit Frau und Kindern zusammengesetzt und sie gefragt, wollt ihr das mittragen?“ Die Begeisterung angesichts des Kraft- und Zeitaufwands, der allen abverlangt würde, war zunächst gedämpft. Aber schließlich zogen doch alle an einem Strang.

Die ersten zwei Jahre waren Missernten zu verkraften, weil die Bäume sich auf die nicht chemische Behandlung umstellen mussten. Der Betrieb, den sie vorher alleine gemanagt hatten, musste durch den Mehraufwand um weitere acht Arbeitskräfte aufgestockt werden. Seit 2003 sind sie anerkannter Naturland-Betrieb. Seitdem stiegen die Erträge, der Zuspruch durch die Kunden wuchs – die Anstrengungen haben sich gelohnt. Heute ist auch wieder ausreichend Zeit für die Familie da.

Ralf Mählmann sieht sich eng mit der Tradition verbunden, in die er eingebettet ist. „Das Haus, in dem wir leben, wurde 1779 erbaut. Die großen Balken sind als Bäume mindestens 200 Jahre alt“, erklärt er. „Das ist Rohstoff, den ich anfassen kann, der um 1600 herum gepflanzt worden ist.“ Das schöne und charakteristische Bauernhaus ist auch das Logo des Betriebs und hat Bedeutung weit über seine Tätigkeit hinaus. „Wir als einzelne Menschen sind im Grunde gar nicht wichtig. Wir dürfen dieses Haus einfach ein Stück weit begleiten.“ Achtung und Pflege dieser alten Dinge und Kulturgüter sind ihm ebenso wichtig, wie die Pflege von altem Gedankengut aus den Zeiten vor der auf kurzfristige Gewinne ausgerichteten Wegwerfgesellschaft. „Mein Vater hat früher noch Hechte in den Gräben gefangen. In meiner Kindheit gab's gar keine Fische mehr“, sinniert Ralf. „Wir dürfen jetzt eben wieder richten, was unsere Väter und Großväter aus Unwissenheit angezettelt haben.“

Betriebliche Ziele hat er genug: Nach und nach sollen Obstsorten wie Gloster oder Jonagold gegen neue, ökologisch wertvolle und geschmackvollere Sorten ausgetauscht werden, wie Wellant, Topaz und Pinova. Durch moderne Bodenbearbeitungsmaschinen den manuellen Aufwand zu reduzieren steht ebenso auf dem Programm wie energiesparendere Technik in den Kühlhäusern und Solarenergieerzeugung auf den Hallendächern.

Dass der Hof weiterhin das Familieneinkommen sichert und seinen Kindern Entscheidungsfreiheit auf ihrem Weg ermöglicht, ist Ralf ein Herzensanliegen. „Ich konnte selbst immer das machen, was ich wollte“, erklärt er. „Unsere Kinder sollen in die Welt gehen können – und dann mit Lust und Freude wiederkommen, wenn sie es denn wollen.“ Irgendjemand wird den Weg, den er hier mit seiner Familie ein Stück weit geht, dann bestimmt weitergehen.

nach oben