Die kleinbäuerliche Vielfalt des 170 ha großen Demetergutes Kattendorfer Hof im Kreis Segeberg mit Milchvieh, Acker- und Gemüsebau wird von einem solidarischen Wirtschaftsmodell zwischen Erzeugern und Kunden getragen. Etwa 700 Menschen der Region sind über „Ernteanteile“ an dem Hof beteiligt und werden von ihm mit hochwertigen Nahrungsmitteln versorgt.
„Wir machen hier nicht nur Landwirtschaft, wir machen hier Weltpolitik“, erklärt Klaus Tenthoff, der den Hof gemeinsam mit Partner Mathias von Mirbach betreibt. „Wir versuchen das, was im Weltagrarbericht von rund 400 Wissenschaftlern entwickelt wurde, hier auf den Boden und in die Praxis zu bringen.“ Im Kern geht es um die Versorgung der Weltbevölkerung auf nachhaltige Weise, was nur durch bäuerliche Kleinbetriebe und hier eine Förderung der Frauen sicherzustellen ist, so das Fazit der Wissenschaftler. Was früher selbstverständlich war, gewinnt unter den gegenwärtigen Krisensymptomen von Klima bis Finanzen wieder an Bedeutung: Es ist am effizientesten und sinnvollsten, wenn die Menschen sich direkt in der Region mit allem Lebensnotwendigen versorgen können.
Über die Ernteanteile sind die Kunden persönlich und finanziell mit „ihrem Hof“ verbunden. Diese „bewusste Entkoppelung von Ware und Geld“ gibt dem Hof die nötige Stabilität. Der Kunde trägt das Klimarisiko mit, er hilft, auch schwierige Erntejahre zu überstehen und verschafft das Kapital, stetige Verbesserungen im Anbau und in der Tierhaltung vorzunehmen. Die so organisierten Kunden treffen sich jährlich zur Vollversammlung und entscheiden mit, was von ihrem Geld finanziert wird. So haben sie sich vor kurzem für zusätzliche 3 EUR/Monat ausgesprochen, um einen zweiten Brunnen zu bohren. Auf diese Weise können weitere Anbauflächen beregnet werden. Damit wird in trockenen Perioden Ernteertrag und Vielfalt des Angebots sichergestellt, was wiederum den Kunden zugute kommt.
Um die Vertriebswege kurz zu halten, wird die Ware an zentrale Depots geliefert, z. B. Food Coops in verschiedenen Stadtteilen oder im Kattendorfer Hofladen in Eimsbüttel. Hier holen sich die Kunden ihre Lieferung ab. 168 EUR pro Monat ist derzeit die Investition für einen Ernteanteil. Eine dreiköpfige Familie zeichnet im Schnitt für ein bis eineinhalb Ernteanteile. „Durch dieses System haben wir minimalen Verwaltungsaufwand, die Kommissionierung ist stark vereinfacht, wir brauchen keine Werbung und keine bunten Etiketten, und die Ökobilanz beim Warentransport stimmt auch“, erläutert Klaus das in jeder Hinsicht ressourcensparende Modell.
Einen ähnlich kreativen Weg sind die Betreiber des Kattendorfer Hofes für den Aufbau und die Weiterentwicklung ihrer Milchkuhherde gegangen. 250 „Kuhaktien“ im Wert von 500 EUR sowie einige „Kalbaktien“ für 100 EUR hat der Betrieb als Genussscheine ausgegeben. Einmal im Jahr erhält der Inhaber dafür 2,5 % Geldzinsen oder 5 % Warenwert, den er nach Bedarf einlösen kann. Diese krisenfeste Geldanlage wurde besonders publik, als die Milchbauern 2009 aufgrund des schlechten Milchauszahlungspreises mit dem Rücken zur Wand standen und den Milchstreik organisierten. „Am europäischen Himmel war die Kuhaktie als Alternative der einzige Stern,der da leuchtete“, lacht Klaus. „Wir waren damit überall in der Presse.“ Natürlich rief das auch die BaFin – Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht – auf den Plan, die diesem Erfolgsmodell allerdings ihren offiziellen Segen gab. Für den Hof ist dieses direkte Finanzierungsmodell günstiger als ein Bankkredit, während die Kunden ihrerseits von überdurchschnittlich guten Bedingungen profitieren und, vor dem Hintergrund der Finanzkrise, ihr Geld sicher und ethisch korrekt angelegt wissen.
Die Milchkühe sind das Herzstück des Demeter-Betriebes, darauf baut die Kreislaufwirtschaft des Hofes auf. 50 Kühe plus Nachzucht umfasst die Herde. Der von den Rindern produzierte Mist wird als vorkompostierter, hochwertiger Dünger auf die Gemüse- und Ackerflächen ausgebracht, wo er das Bodenleben anregt und über drei Jahre langsam die in ihm enthaltenen Nährstoffe für die Pflanzen freisetzt. Milchproduktion bedingt wiederum, dass die Milch auf dem Hof selbst weiterverarbeitet wird, da der geringe Milchpreis als Einkommensquelle unrentabel ist. Gut für die Kunden: So entstehen in der Käserei des Hofes etwa 20 Sorten Kuhkäse, dazu kommen noch einige Sorten Ziegenkäse. „Die Ziegen sind ein Steckenpferd meiner Töchter“, schmunzelt Klaus. Die melken die derzeit neun Tiere zweimal am Tag von Hand, immerhin rund zehn Liter pro Melkzeit. Die Gefahr von Verunreinigungen beim Handmelken ist interessanterweise wesentlich geringer, als beim Maschinenmelken. Das bedeutet eine sehr gute Rohmilchqualität für den Ziegenkäse.
Die Milchverarbeitung wiederum bedingt das nächste Glied in der Kette der Kreislaufwirtschaft: „Jede Kuh gibt im Jahr etwa 5.000 l Milch, bei der Verarbeitung fallen davon ca. 3.200 l Molke an“, umreisst Klaus den Sachverhalt. „Pro Kuh können wir also zwei bis drei Schweine mit der Molke füttern.“ Auf diese Weise entsteht Fleisch als „Abfallprodukt“ der Milchproduktion – „die Schweine sind quasi die Niere des Hofes“. Als Resteverwerter vertilgen die Schweine auch Altbrot, Gemüse- und Mühlenabfälle, zusätzlich erhalten sie Kleegras, Futterkartoffeln und -getreide, bevor sie beim nahegelegenen Bioschlachter zu schmackhaften Fleisch- und Wurstwaren verarbeitet werden. Auch die alten Milchkühe werden bei Schlachter Pirdzun zu Rinderschinken und Salami verarbeitet. „Es gibt nichts Besseres, als die Salami aus einer alten Kuh“, verrät Klaus. „Das Fleisch ist mager, da sind die besten Teile drin und die Wurst ist wunderbar mürbe.“ Auch Wild hat der Kattendorfer Hof im Angebot. Klaus ist passionierter Jäger und mit zehn weiteren Kollegen in der Jagdgenossenschaft Kattendorf organisiert, vor der Haustür erstreckt sich sein Jagdrevier von 700 ha. Am Marktstand entdecken Kunden so bisweilen außer Rehrücken und Wildschinken auch kuschelige Mützen aus Pelzen von Fuchs, Iltis und Marder. Und erfahren bei dieser Gelegenheit, dass gezielte und gewissenhafte Jagd auch praktizierter Naturschutz bedeutet.
Der vielfältige Kattendorfer Hof wird rund ums Jahr von vielen Menschen belebt. Nebst Frau Annette, den Töchtern und Partner Mathias arbeiten rund zehn Mitarbeiter in der Landwirtschaft und Käserei, dazu zwei bis drei Auszubildende pro Jahr und etliche Praktikanten. Der global orientierte Landwirt hat immer wieder Landwirtschaftsstudenten zum Praktikum aus Entwicklungs- und Schwellenländern auf dem Hof. Eine effektive Entwicklungshilfe bietet besonders das Kennenlernen der handwerklichen Arbeit mit den Ziegen. „In Deutschland gibt es viele Hofkäsereien und selbst Betriebe aus Australien kaufen hier ihre Ausstattung für den Käsereibetrieb ein“, bemerkt der weitgereiste Landwirt, der sein Käsereihandwerk selbst im Praktikum auf dem Dottenfelderhof bei Frankfurt gelernt hat.
Der Hamburger, der früher viele Jahre autonome Politik gemacht hat, kam schließlich zu dem Fazit, dass es nicht reiche, nur gegen bestimmte Entwicklungen Stellung zu beziehen. „Im Wendland beim Biobauern auf dem Hof zu arbeiten, hat meinen Protest gegen Atomkraft zu einer positiven Perspektive verholfen. Man sollte versuchen, die Utopie auch zu leben “, beschreibt er seine Wandlung zum Praktiker. Den Großvater des Hofes beim Kartoffeln sortieren zu sehen, der mit dieser einfachen Arbeit ganz natürlich in den Betrieb eingebunden war – „während meine Oma vor dem Fernseher saß“ – bestärkte die Idee von sinnerfüllter Tätigkeit.
Seit 1998 ist Klaus mit seiner Familie auf dem Kattendorfer Hof, der von der Stiftung „Das Rauhe Haus“ gepachtet ist und seit 1995 biologisch-dynamisch bewirtschaftet wird. Über viele Jahre hinweg wurde auf dem Hof Jugendarbeit betrieben. Die Zeit des Aufbaus als reiner landwirtschaftlicher Betrieb war mit vielen Mühen und anfänglichen Einschränkungen verbunden. „Die ersten Monate wohnten wir mit zwei kleinen Kindern in einem 10 qm-Zimmer unterm Dach“, erinnert sich Klaus. „Jetzt haben wir das schön hier.“ Der Blick schweift über Teich und Ziegenweide vor dem Haus, im Sommer sind auch Nonnengänse, Reiherenten und sogar ein Eisvogel zu beobachten.
Die Vision, den Hof wieder zu einem Ort zu machen, der Menschen in besonderen Lebenslagen Raum und Unterstützung zum Leben und Arbeiten bietet, steht den Hofbetreibern vor Augen – „wenn der Hof rund läuft.“ Gebraucht werden noch ein paar weitere Beteiligte über die Ernteanteile – und fähige Menschen, die es zu ihrer Aufgabe machen wollen, den Hof mitzuentwickeln. „Um einen solchen Betrieb zu entwickeln, reicht es nicht, wenn du Landwirt bist“, konstatiert Klaus. „Im Grunde brauchen wir Leute, die studiert haben, abgebrochen haben und die Praktiker sind wie wir auch“, erklärt der abgebrochene Student der Rechtswissenschaft.
Vielfältige Möglichkeiten bietet der Hof Kunden, Kindergärten und Schulen sowie allen Interessierten, Einblick in den Arbeitsalltag zu nehmen – auf Betriebsbesichtigungen, Hoffesten, Ernteaktionen oder in einem Käsekurs. Die aktuellen Termine sind auf der Website des Hofes einzusehen. So mancher mag dabei auf den Geschmack kommen, über die Idee der Solidarischen Landwirtschaft neue Lebens- und Wirtschaftsmodelle auszuprobieren. Und eine Entwicklung mit zu unterstützen, die der Leiter des evangelischen Entwicklungsdienstes Rudolf Buntzel mit dem Satz charakterisierte: „Die bürsten die Marktwirtschaft gegen den Strich.“