Auf dem 330 ha großen Demeter-Gutshof vor den Toren Hamburgs fällt vor allem eins auf: Es ist ein vielfältiger sozialer Entwicklungsraum für Menschen, die sich von dem hier virulenten Gemeinsinn-Gedanken angezogen fühlten. Und die sich auf ganz verschiedene Weise diesem quirligen Organismus angeschlossen haben – durch Mitarbeit auf dem Hof, durch Gründung einer angeschlossenen Existenz oder durch Ansiedlung im Ökodorf in der Nachbarschaft des Gutes.
Georg Lutz, der mit seiner Frau Elisabeth und vielen Mitschaffenden den Hof aufgebaut hat, ist ein ruhiger und eher in sich gekehrter Mensch. Mit einem weltoffenen Gemüt, viel Beharrlichkeit und visionärer Kraft hat er jedoch einen ganz besonderen Ort geschaffen, der vielen Menschen ein spannendes soziales Entwicklungsfeld ermöglicht. Allein rund 60 Mitarbeiter sind hier in der Landwirtschaft, im Haushalt, in der Geländepflege und in der Vermarktung tätig.
Auf 18 ha werden über 50 Gemüsesorten angebaut, auf weiteren 12 ha geschmackvolle Kartoffeln. Dazu kommen 110 ha Getreideanbau, das teilweise vom Partnerbetrieb auf dem Hof direkt zu herzhaftem Holzofenbrot verbacken wird. Auf den Gemüsefeldern direkt wird Saatgutzucht und Züchtungsforschung betrieben. Nebst traditioneller Zuchtarbeit durch Auslese werden auch andere wachstums- und qualitätsbeeinflussende Ansätze verfolgt wie die Behandlung von Saatgut mit Tönen oder eurythmischen Gesten. Ziel ist die Entwicklung standortangepasster Gemüsesorten, die einen hohen Ernährungswert haben, geschmacklich ausdrucksstark und bekömmlich sind.
Die Pflege der Erde nach biologisch-dynamischen Prinzipien und der Humusaufbau sind ein unmittelbarer Beitrag zum Klimaschutz, denn auf diese Weise wird viel CO2 in der Erde gebunden und die Fruchtbarkeit des Bodens dauerhaft erhalten. „Wir haben hier leichten Sandboden, aber der war beim Sturm nicht unterwegs wie viele konventionelle Äcker“, berichtet Georg – dank hohem Humusgehalt, einem vielfältigen Bodenleben und einer möglichst permanenten Bedeckung und Durchwurzelung durch Zwischenfrüchte zwischen den Kulturen.
Rund 200 Rinder grasen auf den Weiden, davon ca. 50 Milchkühe. Zu den Milchkühen wird ein enger individueller Kontakt gepflegt, Georg nennt sie „Haustiere“ statt Nutztiere, im Vergleich zu extensiv gehaltenen Rindern, die wenig menschlichen Kontakt haben. Die Milchkühe haben alle Namen und – bei Demeter üblich – behalten ihre Hörner. „Das ergibt eine bessere Milchqualität“, erklärt Georg, „da die Hörner mit dem Verdauungssystem in Verbindung stehen. Viele Menschen mit Milchallergie vertragen trotzdem unsere Milch.“ Um den Kunden, die für den Einkauf im Hofladen den Hof frequentieren, den Alltag der ökologischen Landwirtschaft nahezubringen, verlegt Lutz auch schonmal das Klauenschneiden in eine Außenbox. „Die Kunden sollen sehen, wie wir arbeiten“ – Transparenz und Authentizität ist Georg wichtig.
250 Schweine inkl. Nachzucht wühlen und räkeln sich gruppenweise in großen Boxen mit Freilauf. Jährlich zieht der Hof 450 Tiere heran. Die Jungtiere werden aus vier ausgewählten Rassen gezüchtet: Die Muttersauen sind ein Mix aus Deutscher Landrasse und Deutschem Edelschwein, der Zuchteber ist eine Duroc-Hampshire-Kreuzung. Das ergibt robuste und wenig stressanfällige Tiere, die, mit hofeigenem Futter aufgezogen, besonders geschmackvolles Fleisch durch intramuskuläres Fett aufbauen.
Mit dem Hof eng verbunden sind mehrere Betriebe, die die Produkte von Wulfsdorf weiterverarbeiten und vermarkten. Reinhold Hollerbach backt aus dem selbst vermahlenen Dinkel, Weizen und Roggen leckere Vollkornbrote. Der Holzofen wird teilweise mit Holz aus der Knickpflege des Hofes angeheizt. In ein bis zwei Durchgängen backt er pro Tag 100–200 Brote, wenn die Temperatur dann absinkt, kommen Kuchen und Kleingebäcke hinein. Das Demeter-Feinmehl dafür bezieht er vom Bauckhof in Rosche. Regelmäßig bietet er Backtage für Kinder und ganze Schulklassen an. Aber auch Erwachsene haben 2–3 mal im Jahr Gelegenheit, Einblick in die Holzofenbäckerei zu nehmen. Bei Hoffesten oder hier veranstalteten Betriebfesten ziehen aus dem Backhaus die Duftschwaden würziger und knuspriger Pizza.
Die Demeter-Metzgerei von Andreas Dreymann bringt das Fleisch des Hofes auf den Markt. Neben Rind-, Schweinefleisch und Weihnachtsgänsen wird ein breites Wurstsortiment hergestellt – von der Leberwurst über mediterrane Spezialitäten bis hin zum Klassiker Currywurst.
Johannes Hets betreibt seit 1996 den Abokisten-Lieferservice „Die Grüne Kiste“ mit überwiegend Wulfsdorf-Erzeugnissen und Wurstwaren von Dreymann. Er beliefert Privatkunden ebenso wie Firmen, Schulen und andere öffentliche Einrichtungen mit verschiedenen Sortimenten nach Wahl. Leckermäuler kommen dabei ebenso auf ihre Kosten wie Rohköstler oder Allergiker.
Einkaufen können die Kunden vor Ort in einem großen Hofladen mit Vollsortiment. Danach genießen sie gerne einen Latte Macchiato und leckeren Kuchen im Hofcafé, bei schönem Wetter auf der Terrasse mit Blick ins Grüne und auf das Hofleben.
Neben vielen Mitarbeitern leben drei Generationen der Familie Lutz auf dem Hof, Vater und Mutter pflegen liebevoll ihre Blumen, während die Kinder teilweise auch schon die Laufbahn in die ökologische Landwirtschaft einschlagen. Auf 7,5 ha gegenüber ist seit 2004 das Wohnprojekt Allmende Wulfsdorf entstanden, mit 100 Wohnungen, Integrativem Kindergarten, Künstlerwerkstätten, Sporthalle und Gesundheitszentrum. Durch Umnutzung der Gebäude, die ehemals Heim und Werkstätten für betreute Jugendliche waren, ist in vielen Stunden tatkräftiger Zusammenarbeit und kreativer Gestaltungslust seiner neuen Bewohner ein farbenfrohes Dörfchen unter Berücksichtigung ökologischer Standards gewachsen. Und nebenan ist gerade das neue Wohnprojekt „Wilde Rosen“ auf dem Gelände des ehemaligen Max-Planck-Institutes entstanden. Herzstück ist der Kultur- und Seminardom „Pentaion“, eine Kuppelkonstruktion mit besonderer Atmosphäre, die für Veranstaltungen verschiedenster Art gemietet werden kann. Insgesamt haben rund 450 Menschen in Wulfsdorf eine neue Heimat gefunden und einen spannenden soziokulturellen Raum geschaffen, den sie mit Herz, Hand und viel kreativer Energie weiterentwickeln.
Aufgewachsen ist Georg Lutz auf einem konventionell betriebenen Milchviehbetrieb, den er ursprünglich übernehmen sollte. Als Kind genoss er hier noch die Vielfalt der Natur, „es gab in den Gräben und Schächten Fische und Frösche in Hülle und Fülle.“ Nach wenigen Jahren der Intensivierung allerdings war vieles deutlich reduziert worden. Als dann die Hofübernahme anstand, bekam diese Entwicklung für ihn besonderes Gewicht: „Soll das mein Beitrag werden für Natur und Gesellschaft?“ Die Medien begannen unter Schlagzeilen wie „Vergiften uns die Bauern?“ die Bevölkerung zu sensibilisieren. Er startete dann zunächst mit einem eigenen Betrieb in dem Heidedorf Eschede, merkte allerdings nach ein paar Jahren, dass er für das, was ihm vorschwebte, ein anderes Umfeld brauchte. „Dann fand ich diese Perle vor der Stadt Hamburg“, berichtet er von seiner Entdeckung des Gutes in Hamburger Besitz. Unter vielen Bewerbern setzte er sich schließlich mit seiner umfassenden Erfahrung und seinem ökologischen Konzept als Pächter des Hofes durch. „Ich habe sofort gesehen, dieser Ort braucht Menschen“, erzählt Georg – „Menschen, die das alles hier mittragen und -gestalten und die es auch zu ihrem Platz machen.“ Eine „Begegnungsstätte“, in der Beziehungen gelebt werden und gemeinsam viele Ideen zur Verwirklichung gebracht werden, war seine Vision. Sie entwickelte genug Kraft, um die richtigen Menschen dafür anzuziehen.
Besucher sind begeistert und inspiriert von dem, was sich inzwischen auf diese Weise entfaltet hat. Auf regelmäßigen Führungen und auf den jährlichen Hoffesten im Sommer und Herbst nutzen viele die Gelegenheit, sich inspirieren zu lassen von den vielfältigen hier vorzufindenden Lebensmodellen nach Prinzipien der Nachhaltigkeit, Selbstbestimmung und Mitverantwortung. „Hier gibt es auch noch viel Entwicklungsspielraum“, lädt Georg zum Hineinschnuppern ein. Im Planungsstadium sind Modelle einer Bürgerbeteiligung, die noch mehr Verbindlichkeit in die Beziehung Erzeuger – Verbraucher bringt. In der das Kapital von vielen Menschen zum Wohl aller Beteiligten eingesetzt wird und gleichzeitig für eine lebenswerte Welt für künftige Generationen arbeitet. Getreu der Leitidee: „Die Welt reicher werden lassen.“